"Zirkuspädagogik" - Ein Artikel von Ullich Steybe ( http://www.juggle.de )

1. Inhalte

1.1. Zielperspektiven

“Die Zirkuspädagogik bietet geradezu beängstigend vielseitige Zielperspektiven, die man z. T. nur irgendwo [...] als hehre Lernziele abgedruckt sieht.”[1]

Diese Ziele gliedern sich u.a. in motorische, psychologische, soziale, kognitive und allgemeine pädagogische Lernziele. Natürlich können im folgenden die Ziele nicht erschöpfend genannt werden.

1.2. Allgemeine pädagogische Lernziele

In der Zirkuspädagogik werden durch ein kontinuierliches, eigenmotiviertes Üben neuer Bewegungsmuster in der Gruppe eine Vielzahl pädagogischer Grundwerte vermittelt, ohne dass die pädagogische Arbeit im Vordergrund stehen muss. Einige dieser Lernziele sind beispielsweise:

1.3. Motorische Lernziele

Die pädagogische Anwendung circensischer Arbeit ist spätestens seit Kiphards Veröffentlichungen über die hervorragenden Möglichkeiten von Jonglage, Akrobatik und Clownerie besonders im motopädagogischen und mototherapeutischen Bereich unumstritten. Die Zielsetzung muss natürlich individuell für und mit den einzelnen Kindern und Jugendlichen erarbeitet werden.

Die motorische Förderungsziele in der zirkuspädagogischen Arbeit sind unter anderem die folgenden:

1.4. Psychologische Lernziele:

Auch auf der psychisch/psychologischen Ebene finden Lernprozesse statt:

1.5. Soziale Lerninhalte

Da Zirkusarbeit in der Regel immer eine Arbeit in Gruppen ist, haben die jungen Menschen hier ungeahnte Möglichkeiten, durch das Miteinander in der Gruppe das Gelernte auch in diversen Situationen in ihrem sozialen Umfeld souverän anzuwenden:

1.6. Kognitives Lernen

2. Zirkus-Spielen

Es muss klar sein, dass es in einem Kinderzirkus-Projekt nicht um artistische Höchstleistungen gehen kann. Vielmehr soll bei einem solchen pädagogischen Vorgehen die Lust am Spielen und Bewegen zum zentralen Thema werden. Wenn die Kinder und Jugendlichen diese innere Kraft neu entdecken lernen und ihnen vermittelt werden kann, damit auch vor Publikum innovativ und kreativ umzugehen, wird der Zuschauer von dem Geschehen in der Manege mitgerissen, ohne dass ein dreifacher Salto oder eine Jonglage mit fünf Keulen die Voraussetzung dazu sein muss.

Doch sind die circensischen Disziplinen wie Akrobatik, Zauberei, Jonglage, Äquilibristik, Fakirkünste und Clownerie die zentralen Inhalte, denn gerade der dem Zirkus innewohnenden Bewegungskultur bringen die jungen Menschen die Faszination entgegen, die sie in täglichen Leben, dem Schulsport und den klassischen Vereinsangeboten nicht mehr abgewinnen können.

Akrobatik

Die spielerische Bodenakrobatik bietet gerade für gruppenpädagogische Prozesse eine Vielzahl an Möglichkeiten: Die eher kräftigen, weniger elastischen und teilweise auch adipösen Kinder, die dem “normalen” Sport nur wenig Interesse und Spaß entgegenbringen können, haben hier die Chance, z.B. in der Basis für diverse Pyramidenformen eingesetzt zu werden. Diese neue Erfahrung, dass die oben stehenden Partner ihnen vollkommen vertrauen, im wahrsten Sinne des Wortes “auf sie bauen”, hat für diese jungen Menschen einen völlig neuen Erfahrungscharakter. Dies stärkt das Selbstbewusstsein, da ohne sie “gar nichts steht”. Die gleiche Erfahrung machen eher zierlichen, kleineren Kinder, da sie die Spitze der Pyramide stellen: Als Oberste in einer Pyramidenfigur kommt ihnen natürlich die meiste Aufmerksamkeit zu.

Allen Zirkuskünsten voran werden bei regelmäßigem akrobatischen Training die Spannungskräfte des Übenden und seine Haltekraft gestärkt. Eine Gleichgewichtssensibilisierung ist ebenso zu beobachten wie eine Zunahme der Standfestigkeit und des allgemeinen Muskeltonus.

Zauberei:

Einfache Fingermanipulationen oder kleine magische Tricks lassen sich ohne allzu große Übung perfektionieren. Karten- oder Seiltricks sind an sich nicht schwer zu erlernen, doch erfordert es einige Übung, den Trick so zu präsentieren, dass das Publikum verblüfft über die augenscheinliche Magie applaudiert.

Fingergeschicklichkeit und ein großes Maß an Konzentration sind hier die unabdingbaren Voraus­setzungen. Hohes schauspielerisches Talent muss eingesetzt werden, damit das Publikum im entscheidenden Moment gebannt auf die vordergründigen Geschehnisse schaut und den eigentlichen Trick verpasst.

Jonglage und andere Handgeschicklichkeitsspiele

Jonglieren hat wie kaum eine andere Zirkuskunst den Vorteil, dass man eigentlich überall üben kann. Ob beim Warten auf den Bus, in den Schulpausen oder in der Freizeit, der Transfer in das tägliche Leben gelingt bei dieser Zirkuskunst besonders gut, da außer den Requisiten nichts weiter benötigt wird.

Das Jonglieren mit drei Bällen kann von allen Teilnehmern gelernt werden. Egal, ob motorisch begabt oder eher ungeschickt, mit ein wenig Übung ist das Jonglieren für alle machbar. Schwierigere Tricks werden sich dann diejenigen aneignen, denen gerade diese Zirkuskunst am meisten zusagt.

Vor allem hier wird die Hand-Auge-Koordination und die Präzision der Bewegungen gestärkt, denn die Bewegungsabläufe müssen äußerst exakt verlaufen. Bevor die verschiedenen Wurftechniken und anderen Bewegungsmuster in das allgemeine Bewegungsrepertoire aufgenommen werden können, müssen die Kinder und Jugendlichen den Weg dorthin erst einmal verstanden haben und alle Fehler in der eigenen Bewegung eliminieren. So lernen sie spielerisch eine exakte Problemanalyse, ohne die das Ziel nicht erreicht werden kann. Nebenbei wird noch die Frustrationstoleranz gestärkt, denn nicht um­sonst heißt es unter Jongleuren: “Jonglieren fängt mit einem großen B an: Bücken...”

Äquilibristik

Äquilibristik, zu Deutsch Gleichgewichtskunst, trainiert wie die Akrobatik Gleichgewichtssensibilität und Präzision. Egal, ob man Einrad fährt, auf einem Rola-Rola (Wippbrett) balanciert oder auf einer Laufkugel geht, der ganze Körper ist gefordert, will man es länger auf dem Requisit aushalten. Da vor allem Gruppenübungen hier besondere Faszination auf die Zuschauer ausüben, ist hier eine Choreogra­phie mit vielen gemeinsamen Trainingsstunden vonnöten, bevor diese Kunst gezeigt werden kann. Wenn die Grundtechniken beherrscht werden, kommt es dann vor allem auf das gemeinsam Miteinander an, damit die Darbietung gelingt.

Fakirkünste:

Der Fakir als derjenige, der das zerstörerische Element Feuer beherrscht, wird immer ein zentraler Mit­telpunkt des Geschehens in der Manege sein. Gefährlich aussehende Techniken wie Feuer schlucken oder auf dem Nagelbrett liegen können ohne Gefahr für Künstler und Publikum in nur kurzer Zeit vermittelt werden, solange die Jugendlichen verantwortungsvoll mit dem Gelernten umgehen. Allen Teilnehmern werden die Gefahrenquellen deutlich vor Augen geführt, so dass niemand in die Versuchung gerät, das Gelernte auf eigene Faust zu versuchen. Bei diesen Techniken wird die Einwilligung der Personensorgeberechtigten erforderlich.

Clownerie

Die Clownerie ist als schauspielerische Leistung wohl die am höchsten zu bewertende Zirkuskunst. Der Clown verbindet alle circensischen Künste und schafft eine Atmosphäre der ungetrübten Lebensfreude, in der der Zuschauer sich selbst gespiegelt sieht. Aufgrund dessen ist ein hohes Maß an Improvisationstalent und schauspielerischem Können vonnöten, bevor eine Clownsnummer den erhofften Effekt auslöst.

Damit diese Fähigkeiten vermittelt werden können, werden mit den Kindern und Jugendlichen viele Improvisations- und Gruppenspiele durchgeführt. Die jungen Menschen haben so die Möglichkeit, in eigene, erfundene Rollen zu schlüpfen und so emotionalen Ballast abzuwerfen. Ohne einen therapeutischen Effekt des Clownspielens überbewerten zu wollen, bieten sich gerade hier für die Kinder und Jugendlichen Möglichkeiten, eigene Rollen zu überspitzen, zu entfremden und auszuleben.

Viele der Improvisationen verlaufen pantomimisch, so dass Ausdrucksfähigkeit und Mimik verstärkt werden.

Der Clown ist das Bindeglied zwischen Publikum und Zirkuskünstler. Gerade im Kinderzirkus können die Clowns in das Publikum gehen und zum Mitmachen animieren.

3. Andere jugendspezifische Bewegungsformen

Wie bereits erwähnt, sollen auch andere, nicht speziell dem traditionellen Zirkus eigene Bewegungsformen mit in die Projekttätigkeit integriert werden, sofern sie später in einer Aufführung wiedergegeben werden können. Ein Beispiel hierfür ist die Breakdance Kultur vieler Jugendliche, in der durchaus artistische Höchstleistungen geboten werden, oder das mittlerweile als Breitensport akzeptierte Inlineskating.


4. Projektorientiertheit aller Angebote

Alle Angebote sollen in einer Aufführung münden. Diese werden entweder in den Räumlichkeiten der entsprechenden Träger, in den Sporthallen oder in eigens dazu angemieteten Räumlichkeiten stattfinden. Der Kauf eines eigenen Zirkuszelts wird als Ziel nicht aus den Augen verloren.

Die Aufführungen haben den Sinn, allen teilnehmenden Kinder und Jugendlichen während der Kurszeit zu motivieren und ihnen die Möglichkeit der Darstellung des Gelernten zu geben. Der Anspruch, vor Publikum aufzutreten, kann für die jungen Menschen zu einem “Flow-Effekt” führen, so dass sie in der Arbeit für die Aufführung buchstäblich über sich herauswachsen und sonst immer präsente Defizite und sonstige Mängel hinter sich lassen.


5. Bedeutung des ”Spaß-Effekts”

Trotz alle pädagogischen Vorhaben, trotz aller motorischen Übungen und trotz allen verbissenen Trainingsstunden, die die Voraussetzung für ein hohes Maß an circensischem Können sind: Die elementarste Kraft der Zirkuspädagogik ist der Spaß, den das Geschehen mit sich bringt. Die Vorhaben der Pädagogen, den Kindern und Jugendlichen bestimmte Fähigkeiten zu vermitteln und Defizite auszuglei­chen, müssen in den Hintergrund treten vor der Tatsache, dass der Kinderzirkus den jungen Menschen Freude bereiten und Spaß machen muss. Der Wettkampfgedanke, der in so vielen sportlichen Disziplinen immer im Vordergrund steht, soll einem Miteinander der Kinder und Jugendlichen weichen.

Damit ein Zirkus überhaupt funktionieren kann, ist die Mithilfe aller gefragt: Kostüme und Requisiten bereitlegen, Schminken, Musik vorbereiten, Getränke holen, all diese im Hintergrund stattfindenden Dinge sollen den Kindern und Jugendlichen das Gemeinschaftsgefühl vermitteln, ohne das ein Arbeiten in einer Zirkustruppe nicht funktionieren kann.

Auf diese Weise wird auf die vorgenann­ten Ziele konstruktiv in einem indirekten Sinne eingewirkt und damit eine direkt defizitorientierte Arbeit vermieden.

Pädagogischer Ansatz

Arbeit in der Zirkuspädagogik liegt einem erlebnispädagogischen Ansatz zugrunde, wobei speziell mit zirkusspezifischen Inhalten gearbeitet wird.

Als Projekt zielt man unter anderem auf

  1. präventive Intervention für junge Menschen, denen ein sinnvoller Umgang mit ihrer Freizeit verloren gegangen ist und die Gefahr laufen, in ein sie gefährdendes Milieu abzurutschen (insbesondere gilt dies für Gewalt- und Drogenprävention).
  2. körperliches Betätigungsfeld für junge Menschen,
  3. Projekt, in dem Jugendlichen der kulturelle Aspekt der Zirkusarbeit näher gebracht werden soll. Dies wird unter anderem durch den Besuch verschiedener Zirkusse geschehen, wobei die Vorführungen ausgewertet werden und ein Kontakt zur Zirkusgruppe hergestellt werden soll.
  4. Soziales und motorisches Training im zirkuspädagogischen Setting für alle Teilnehmenden

[1] Von Grabowieki, in Ziegenspeck `96 “ZIRKUSPÄDAGOGIK”, S. 35